Vater
Unser im Himmel
Das wir zu Gott "Vater"
sagen dürfen, ist für uns fast selbstverständlich. Doch
in früheren Zeiten und auch heute noch in vielen Religionen ist Gott
oder die angebeteten Götter etwas unnahbares, unerreichbares. Wir
dürfen dankbar sein, dass wir Gott einen Vater nennen dürfen,
zu dem wir mit unseren Sorgen, Bitten, Klagen, Wünschen und unserem
Dank im Gebet kommen können. Dieser Vater wohnt im Himmel, einem
Ort überirdischer Herrlichkeit, wo wir nach unserem Tod in Ewigkeit
hinkommen dürfen, wenn wir in unserem Leben seine Vergebung durch
Jesus Christus in einem aufrichtigen Gebet annehmen und wenn Gott in unserem
Leben sieht, dass wir seine Liebe auch an andere weitergeben.
Geheiligt
werde Dein Name.
Gottes Name wurde
und wird immer wieder mißbraucht. Sei es, wenn wir leichtfertig
"Gott sei Dank" sagen und es gar nicht so meinen, sei es, wenn
wir uns "christlich" nennen und z.B. für die Todesstrafe
sind. Oder denken wir an die erste Atombombe, die in den USA zu Testzwecken
1945 in New Mexico gezündet wurde: Sie trug den Namen "Trinity"
- Dreieinigkeit!
Dein
Reich komme.
Unsere Welt wird nicht
für immer bestehen - das sagt selbst die Wissenschaft. Nach dem kosmologischen
Weltbild von heute wird spätestens in einigen Milliarden Jahren mit
dem Verlöschen unserer Sonne alles Leben auf der Erde zu Ende sein
- wenn dies nicht schon vorher geschieht, z.B. durch einen Meteoriteneinschlag
oder einen Atomkrieg. Und auch das ganze Universum wird nach unvorstellbaren
Zeiträumen in einem ewigen weiten kalten "Nichts" enden
- dem "Wärmetod". Dieser Trostlosigkeit steht das Reich
Gottes entgegen - die ewige Seligkeit.
Dein
Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.
Dieser Abschnitt ist
oft nicht leicht zu beten: Dein Wille geschehe! Ich mußte monatelang
mit mir kämpfen, bis ich das aufrichtig beten konnte, und oft weiß
ich ganz genau, dass das, was ich gerade tue, sicher nicht Gottes Wille
ist. Oft haben wir ganz konkrete Pläne für unser Leben und meinen
genau zu wissen, was für uns gut ist. Doch Gott steht über dieser
Welt und auch über der Zeit und hat einen konkreten Plan mit uns.
Wenn wir in Not sind und dringend Rat suchen, können wir uns an Gott
wenden und beten: "Vater, ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden
soll, bitte laß Deinen Willen geschehen!" Die andere Situation
ist da schon schwieriger - wenn wir ganz genau wissen, was wir wollen,
und auch, dass Gott etwas ganz anderes will. Doch ich habe schon oft in
meinem Leben erfahren, dass Gott es gut mit mir meint. Das, was ich um
jeden Preis wollte, wäre damals nicht das Richtige gewesen (z.B.
eine Beziehung während meiner Ausbildung) - aber es dauert manchmal
längere Zeit, bis man das einsieht. Trotzdem gibt es auch Dinge,
bei denen ich mir auch heute keinerlei "Sinn" vorstellen kann
- z.B. wenn ein Mensch ohne Vergebung stirbt.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Das versteht jedes
Kind: Ohne Brot (Kartoffeln, Gemüse, Obst, Saft, Milch, Fleisch,
Kuchen, Schokolade) können wir nicht leben - auf die letzten drei
Dinge kann man aber zur Not auch mal verzichten (Ich esse kein Fleisch,
weil ich Mitleid mit den Tieren habe, aber um so lieber auch mal eine
Tafel Schokolade). Doch mit Brot sind auch die anderen lebensnotwendigen
Dinge gemeint: Kleidung (na ja, es muß doch nicht immer die neueste
Mode sein, oder?), eine Wohnung, elektrischen Strom und was wir sonst
noch zum Leben brauchen. Doch das ist, wie wir alle wissen, keine Selbstverständlichkeit:
Ein großer Teil der Weltbevölkerung ist unterernährt,
und einige -zigtausend Kinder verhungern Tag für Tag. Und Zukunftsforscher
sagen uns voraus, dass in einigen Jahrzehnten Kriege nicht mehr um Öl,
sondern um Wasser geführt werden. Daher ist Ressourcenschonung, Umweltschutz,
nachhaltiges Wirtschaften und ein fairer Handel mit der Dritten Welt überlebensnotwendig
- wir sind weit davon entfernt!
Und
vergib uns unsere Schuld,
Im Konfirmandenunterricht
wurden wir gefragt, was denn das Wichtigste am Vater Unser sei. Wir waren
uns alle einig: Unser tägliches Brot gib uns heute! Als dann der
Pfarrer uns Und vergib uns unsere Schuld nannte, wollten wir das nicht
einsehen. Doch heute verstehe ich, was er meinte: Wir sehen in der Regel
nur die Spitze des Eisberges unserer Schuld. Wir denken oft, wir sind
eigentlich unschuldig (ich auch) und können durch ein Wort, eine
unscheinbare Bemerkung oder einen gut gemeinten Rat einen Scherbenhaufen
anrichten! Das gilt besonders in der Massenkommunikation: Kann man einen
Irrtum in einer persönlichen Unterhaltung noch korrigieren, wenn
man ihn bemerkt, so ist das in der Zeitung, im Radio oder im Fernsehen
wenn überhaupt nur begrenzt möglich - ein Gerücht bleibt
oft zurück. Und wenn ich an meine Homepage denke, die Sie gerade
lesen - wie viele Irrtümer werden wohl darin stecken, die ich vielleicht
nie bemerke? Auch wenn wir uns noch so bemühen, wir alle kommen um
Schuld nicht herum - es muß kein Mord und kein tödlicher Autounfall
sein. Daher ist es die wichtigste Entscheidung eines Menschen, Vergebung
von Gott anzunehmen - für dieses und erst recht für das ewige
Leben!
wie
auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Das, was Gott uns
anbietet, nämlich Vergebung, sollen wir an unsere Mitmenschen weitergeben.
In der Bibel gibt es das Gleichnis vom Schalksknecht. Ich erzähle
es in einer moderne Version: Ein Minister hat eine Milliardenschuld und
wird zu seinem König gerufen. Als dieser den Betrag einfordert, beteuert
der Minister, er werde alles bezahlen. Doch der König hat Mitleid
und vergibt ihm die Schuld! Darauf geht der Minister zu einem Untergebenen
und fordert 50 Euro, die dieser ihm schuldet. Als der Untergebene sagt,
dass er in Finanzschwierigkeiten sei, das Geld aber demnächst aufbringen
werde, zeigt der Minister ihn an. Als das der König erfährt,
wir er zornig und sperrt den Minister wegen seiner Hartherzigkeit ins
Gefängnis. Er soll erst dann herauskommen, wenn er alles bezahlt
hat - doch wie soll er das anstellen?Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
ist manchmal so schwer zu beten wie Dein Wille geschehe - auch für
mich. Und für manche Menschen ist sicher Vergebung in diesem Leben
fehl am Platze, insbesondere, wenn sie ihre Tat nicht einsehen und eine
Gefahr für die Gesellschaft sind. Vergebung setzt nämlich Reue
und den Willen zur Besserung voraus. Doch welche Welt würden wir
vorziehen - eine Welt, wo wir immer mit hundertprozentiger Gerechtigkeit
für jede Schuld erbarmungslos bestraft werden, oder eine Welt, in
der wir und unsere Mitmenschen auch bereuen und Vergebung empfangen dürfen?
Erst recht gilt das für das ewige Leben: Der wichtigste Wunsch für
unseren Nächsten sollte es sein, dass er in Ewigkeit Vergebung empfängt!
Und
führe uns nicht in Versuchung,
Diesen Teil des Vater
Unser verstehe ich am wenigsten: Ein liebender Vater, der uns in Versuchung
führt? Manche Theologen sagen, dass Gott uns nur dann versucht, wenn
er weiß, dass wir die Probe bestehen und daran reifen - alle anderen
Versuchungen kämen vom Teufel, der uns zu Fall bringen will. Doch
wenn Gott allmächtig ist - warum entscheiden sich dann Menschen nach
einem Schicksalsschlag gegen Gott? Warum mutet Gott einem Menschen nicht
nur soviel Leid zu, wie er sicher verkraftet? Eine Frage, die mir oft
Kopfzerbrechen bereitet...
sondern
erlöse uns von dem Bösen.
Man könnte meinen,
dass mit dem "Bösen" Krieg, Mord, Terror und alle übrige
Gewalt dieser Welt gemeint ist. Zum Teil stimmt das, doch hiermit ist
nicht nur das Böse, sondern auch der Böse gemeint - der Teufel.
In anderen Sprachen wie z.B. Russisch kommt der Ausdruck "Teufel"
auch unmißverständlich in dieser Bitte vor! Viele meinen heute,
der Teufel sei eine Erfindung des menschlichen Geistes; die Kirche habe
ihn sich nur ausgedacht, um die Menschen zu kontrollieren. Sicher hat
die Kirche den Glauben zum Teil auf das Übelste missbraucht. Doch
heute sind wir in einer anderen Gefahr: Während okkulte Spielfilme,
Videos, Computerspiele, Black Metal und esoterische Praktiken aller Art
uns den Teufel tagtäglich ins Haus und sogar ins Kinderzimmer bringen
und wir uns immer mehr daran gewöhnen, redet er selbst uns immer
mehr ein, dass es ihn gar nicht gibt ("es ist ja alles nur Phantasie").
Im Chemieunterricht haben wir gelernt: "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt."
Das stimmt zwar nicht immer, da man auch das passende Gegenmittel bereithalten
muß - doch wie soll man sich gegen eine Gefahr schützen, die
man gar nicht wahrnimmt? Wer Pilze sammelt und den Knollenblätterpilz
in seinem Korb nicht erkennt, dessen Abrieb an den übrigen Pilzen
schon absolut tödlich ist, wird sterben. Daher nützt es nichts,
den Teufel in das Reich der Phantasie zu verbannen, sondern wir können
unser Leben in die Hand Gottes legen und Vergebung von Jesus Christus
annehmen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
VATER UNSER - MEDITATION:
Mag sein, daß
viele Menschen sich schwer tun mit der Anrede Vater unser,
die nur dann Sinn macht, wenn Vertrauen möglich ist.
Und noch mehr Wagnis liegt in der Feststellung der du bist im Himmel.
Wer kann noch so ohne weiteres die Vorstellung von oben und unten,
von diesseitig und jenseitig übersetzen?
Wo ist Gott und wer ist Gott - Fragen über Fragen.
Geheiligt werde dein Name - in einer Zeit und in einer Welt,
die von vielen verflucht wird, weil Leid und Ungerechtigkeit, Angst und
Schrecken überhand nehmen.
Aber der heimliche Wunsch, daß dein Reich komme, ist unausgesprochen
immer und überall dabei.
Bei allem Zweifeln und Verzweifeln bitten wir darum, daß dein
Wille geschehe.
Geradezu als Aufschrei der Hoffnung wie im Himmel und auf Erden.
Es ist der weltweite Hunger nach Brot und nach Zuneigung,
der uns rufen läßt: unser tägliches Brot gib uns heute.
Daß alle Menschen satt werden, ein Dach über dem Kopf und Kleidung
haben,
dass Menschsein möglich ist und Zukunft denkbar wird hängt von
jedem einzelnen ab.
Weil wir alle schuldig sind und immer wieder Schuld auf uns laden,
bleibt die Bitte und vergib uns unsere Schuld stets verbunden
mit der guten Absicht wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Diese Herausforderung wird zur Nagelprobe,
ein dauernder Kampf gegen die Macht des Bösen in uns und in der Welt:
und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von
dem Bösen.
So ist das zwischen Gott und uns untereinander.
Ein Abenteuer des Glaubens und der Zuversicht,
denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Wir sind unterwegs zwischen Geburt und Tod
und über den Tod hinaus schenkt uns der freundliche Gott Leben.
Text von Werner Schaube in: Ohne Wenn und Amen, Freiburg
1992
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